Viel hat sich im Senegal innerhalb des vergangenen Jahres nicht verändert - und wann, dann nicht zum Guten: die Arbeitslosigkeit entmutigt vor allem die jungen Menschen sehr, der Lebensunterhalt
ist für die Durchschnittsbürger schwer zu bestreiten, die Preise steigen unentwegt. Menschen mit Behinderungen oder Krankheiten gehören immer noch zu den sehr bedauernswerten Kreaturen im Land
und ihrer wollen wir uns deshalb mit den bescheidenen Mitteln, die unserem kleinen Hilfswerk zur Verfügung stehen, nach wie vor annehmen. Das Land hat auch mit Dürre zu kämpfen, es gibt Notlagen
überall und arge Misstände und die Regierung unternimmt nichts. Also gehen wir unentwegt unseren Weg, den wur schon lange beschritten haben: Einzelschicksale zu verbessern, einigen durch
Blindheit und/oder Lepra sehr benachteiligten Menschen eine helfende Hand zu bieten. Einen Beitrag, der vielen Menschen zugute kommt, haben wir mit der Errichtung des Blindenzentrums 'Alfred
Tschudin' in Mbour erbracht.
Im Berichtsjahr wurde nur eine einzige Reise unternommen, an der auch Lilly teilnehmen wollte. Noch einmal zu den langjährigen Freunden, zu den vielen Schützlingen überall, nochmals das
Lebenswerk sehen... aber es blieb ihr verwehrt. Durch ihr hohes Alter und die einige Monate zuvor erlittenen Lungenentzündung war es einfach zu anstrengend für sie. Die Koffer gepackt, das
Flugticket in der Tasche... das alles brachte nichts: die Vernunft musste gehorchen und so liess sie die Fünfergruppt ohne sie nach Afrika abfliegen.
Marco Gassmann, ein junger Arzt, der den Senegal bereits bereist hatte, dazu Annaliese Gasser, die schon mehrmals im Senegal war, ferner Therese Dick, eine pensionierte Krankenschwester und
erstmalige Reiseteilnehmerin, dazu der Historiker Bernhard Altermatt und die Krankenschwester Anne Bosshard bildeten die Reisegruppe. Sie alle kamen mit sehr viel Goodwill, Enthusiasmus und
ihren eigenen Finanzen nach Westafrika, um sich vor Ort die aktuellen Situationen anzusehen und Hilfe zu leisten. Es steht jeder Reisegruppe frei, wie sie den Aufenthalt gestalten und wo sie
Besuche machen will, als Vorgaben dienen ihnen jedoch die laufenden Projekte, die Menschen, die zur Zeit in unserer Betreuung stehen und die Anfrage um Hilfe aus den diversen Lepradörfern,
denen wir Folge leisten wollen. Dazu kommt natürlich auch die vorhandene und neue Ware, die gezielt verteilt werden will und die man möglichst gerecht, zielorientiert und nutzbringend an die
Bedürftigen abgibt.
Da Anne Bosshard in einer Sanitätsstation (Dispensaire) nahe Mbour im Vorjahr eine Stage absolviert hatte und schon zuvor im Senegal war, kannte sie die nähere Umgebung bereits und konnte sich
auch ein gutes Bild davon machen, wie der Alltag im Land aussieht. In den Südwesten des Landes war sie jedoch noch nie gereist. Zudem waren auch Bernhard Altermatt und Therese Dick erstmals im
Land, also kam eine Reise in jene Region allen Teilnehmern gelegen.
Dort befindet sich, nahe den Ufern des Gambiaflusses, die Ortschaft Kédougou. Nicht weit von ihr liegt das Lepradorf Fadiga, das von unserem dortigen Vertrauensmann und Freund Keita betreut
wird. Jener kümmert sich in rührender Weise um seine Leprakranken und hat schon mehrmals die endlos lange und beschwerliche Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu uns nach Mbour auf sich
genommen, um sein Dorf mit neuen Waren aus der Schweiz versorgen zu können. Diesmal wurde zur Abwechslung Keita besucht und beliefert,. Welche Freude für ihn und seine Dorfbewohner! Die Gruppe
wurde liebevoll aufgenommen und von allen im Dorf begeistert gefeiert.
Dies war gewiss ein ganz spezielles Erlebnis für alle Teilnehmer, waren sie doch alle noch nie im Süden Senegals. Natürlich kamen auch der Norden und die nähere Umgebung nicht zu kurz. Peycouck
stand auf dem Reiseprogramm und natürlich auch die beiden von Masse Mbaye betreuten Dörfer Sowane und Koutal. Überall konnten nützliche Kleidungsstücke, Medizinisches, Verbände und Stulpen für
die amputierten Glieder von Leprösen abgegeben werden. Zudem war die Gruppe mehrmals in Mballing, dem grossen Lepradorf am Rande von Mbour.
Auch die Augenklinik gewährte ihnen sehr interessante Einblicke und für jene, die wollten, gab es die Gelegenheit, einer Augenoperation beizuwohnen. In der Klinik wird gut gearbeitet und hier
sind die Zahlen von 2010:
♦ Konsultationen
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11314
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♦ Staroperationen
zudem diverse andere
chirurgische Eingriffe
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102
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♦ Korrekturbrillen
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281
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♦ Sonnenbrillen
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45
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Zum Abschluss der Reise wurde auf der Veranda des Gästehauses ein Fondueabend abgehalten, was selbst unter afrikanischen Temperaturen etwas Traditionelles geworden ist. Alle hatten ihre Freude
daran, Dr. Cissé und Madame Nicole waren zugegen und als besonderer Gast Günther Heizer vom österreichischen Hilfswerk, das Hedi Wogowitsch gegründet hatte (Küche für Schwerstbehinderte in
Mballing und Näherei). Dank Anneliese Gasser kam diese gemütliche Runde zustande und der rege Gedankenaustausch und die Gespräche über Erfahrungen und Hilfeleistungen waren hilfreich für alle.
Die Präsidentin freut sich über die Motivation der Senegalfreunde, selber eine Reise zu organisieren und gemäss gemachter Erfahrungen durchzuführen. Sie steht gern mit ihren Kenntnissen und
langjährigen Erfahrungen zur Seite und ermuntert damit auch jüngere Leute zur Mithilfe. Da wir die gesammelten Hilfsgüter hinbringen müssen, sind helfende Hände - die selbstverständlich ihre
eigene Reise und die Aufenthaltskosten bezahlen - auch ein Segen für unser Hilfswerk. Wir hoffen, dass uns weiterhin geholfen wird, damit wir selber helfen können.
In diesem Jahr sind zwei Menschen, die uns seit vielen Jahren wohlbekannt und vertraut waren, in Mballing verstorben. (Lilly Vogel kannte beide bereits 40 Jahre!):
Makha Guissé
An seiner massigen Gestalt mit dem durch Lepra furchtbar entstellten Gesicht und den grotesk verformten Händen kam keiner vorbei: er, der selbsternannte Arzt, der einst als junger
Medizinstudent seine Zukunftsträume wegen der Lepra begraben musste, fand doch seinen Weg im Lepradorf. Er betonte immer, dass er Arzt sei und liess das 'Docteur Makha Guissé' in grossen
Lettern, mit weissen Muscheln geschrieben, auf sein Haus aufmauern. Keiner war so ignorant, es nicht zu sehen! Irgendwie hatte er auch so eine Art Praxis. Er hatte Beziehungen zu Frankreich,
bekam von dort auch Medikament und behandelte seine Patienten damit. Mit seinen verkrüppelten Händen schrieb er zudem unermüdlich. Er beherrschte die englische und französische Sprache und
wendete beide in seinen Briefe an. Wie er mit diesen Händen schreiben konnte blieb uns ein Rätsel. Mballing ohne Makha Guissé ist gewiss ein anderes Mballing.
Der kleine Monsieur Diouf
Auch er war eine kleine Figur, die jeder kannte: zierlich, mager, ohne Finger, mit eingefallenem, von Lepra entstelltem Gesicht, im Rollstuhl. Sonntags war er unter den Bettlern mit seiner
Sammeltasse vor der Kirche, aber auch vor unserem Gästehaus im Garten. Irgendwie sammelte er seine Münzen zusammen, leistete sich ein Taxi und liess sich vor unserem Haus absetzen. Dort wartete
er oft viele Stunden auf uns. Er erbettelte sich einmal einen neuen Rollstuhl von Lilly, denn er wusste, dass sie jeweils einen Rollstuhl zu verschenken hatte, wenn sie in Mbour ankam. Die
Räder an seinem Hilfsmittel gingen immer sehr schnell kaputt bei all dem Sand und den schlechten Strassen...Mit einem Rollstuhl in Reserve lebte es sich gewiss besser!!! Natürlich mussten wir
Monsieur Diouf nachher die Rückfahrt nach Mballing bezahlen, denn dafür hatte er nie Geld bei sich. Ja... und nun gibt's auch ihn nicht mehr!
Unsere lieben Senegalfreunde, das Leben besteht aus Abschiednehmen und Neubeginn, aus Hochs und Tiefs, aus Licht und Schatten. Wenn wir meinen, in unserem eigenen Leben oft zuviel Schatten zu
haben, erinnern wir uns unserer Lieben in Senegal. Dann wissen wir, dass es uns trotz allem noch gut geht. Wir leben im Überfluss, haben in unserem Land gute, medizinische Versorgung,
Bedürftigen wird geholfen, Behinderte erhalten beste Hilfsmittel und haben die Möglichkeit, gerecht geflegt und versorgt zu werden. In Senegal starrt einen einfach die Not an. Und die Regierung
kümmert das nicht. Wir sind froh, in der Lage zu sein, etwas zur Linderung der Lebensumstände der Schwächsten dort tun zu können. Wir wissen auch, dass es Korruption im Land gibt und wir wurden
auch davor nicht immer verschont. Aber wo gibt es sie nicht? Wir dürfen nicht aufgeben. Wir müssen trotzdem etwas tun. Die Leidtragenden sind immer die Schwachen.
Wir danken Euch von Herzen, dass Ihr nicht einfach wegseht. Eure Hilfe ist gelebte Nächstenliebe.
Bern, im August 2011
Stiftung Freundeskreis für den Senegal
Lilly Vogel, Präsidentin
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