Im Oktober hatte ich wiederum Gelegenheit, zusammen mit vier weiteren Personen Lilly Vogel für zwei Wochen in den Senegal zu begleiten.
Es war eine Ankunft wie vor zwölf Jahren. Die dunkle Nacht liess nur eingeschränkt Blicke in die Umgebung zu, dafür wurden alle meine anderen Sinne umso aktiver und erinnerten mich wieder an meine
letzten Senegal-Erfahrungen im Jahr 1996. Wie damals wurde unsere Gruppe am Flughafen herzlich empfangen und mit einem Auto während ca. einer Stunde durch die Dunkelheit hinaus aus Dakar über die
Schnellstrasse nach Mbour zum Centre des Aveugles chauffiert.
Diese Fahrt durch die Nacht, die mir beim ersten Mal doch noch etwas unheimlich vorkam, weckte nun wieder aufs Neue zu entdecken. Ich war sehr gespannt darauf, wie es zwölf Jahre später dort
aussehen würde, wo ich meine ersten Eindrücke von diesem Land gewann.
Wie ich während der nächsten 14 Tage erfahren konnte, hatte sich doch einiges verändert: es gab nun mehr als nur eine geteerte Strasse wie damals, die Fortbewegung der Leute findet mehr im Auto
als auf der Calèche (zweirädriger Pferdewagen) statt. Die Gegend um das Centre ist deutlich überbaut und gewisse Abschnitte gegen das Meer hin waren nicht wieder zu erkennen. Wo sich früher gegen
Norden ein einsamer, kilometerlanger Strandabschnitt mit Waldanstoss hinzog, reihen sich nun Häuser, Hotel- und Bungalowanlagen sowie Strandhütten aneinander und der Strand war reich bevölkert.
Besonders aufgefallen sind mir die Fussballer, die im tiefen Sand ein besonders hartes Training absolvierten.
Leider haben sich über diese Jahre auch die Bedingungen für die lokalen Fischer verschlechtert. Die Auswirkungen der weltweiten Wirtschaftspolitik scheinen die beruflichen Möglichkeiten eines
lokalen Fischers sehr einzuschränken. Während eines Gesprächs erfuhr ich, dass man früher nur zwei Kilometer hinausfahren musste zum Fischfang, heute aber eine Piroge 200 km weit ins offene
Meer hinausfahren muss, um einen vergleichbaren Fang machen zu können. Das Boot kommt nicht mehr am gleichen Tag zurück, sondern verweilt zwei Wochen auf hoher See. Gelebt, gekocht, gegessen
und geschlafen wird auf kleinstem ungeschütztem Raum.
Natürlich war auch vieles noch ähnlich wie damals und es war schön, diese Erinnerungen wieder aufzufrischen. Einige Menschen kannte ich noch von früher: Ibrahim, den Wächter, mit dem ich viele
interessante Gespräche führen durfte und Djibi, der Chauffeur, der die Stadt wie seine Hosentasche kennt. Dann kannte ich natürlich auch Dr Cissé, dem ich bei den Katarakt -Operationen (grauer
Star) assistieren durfte. Als Assistenzarzt waren für mich die Gespräche über medizinische Themen sehr anregend und spannend.
Unser Programm während dieser zwei Wochen beinhaltete wieder das Sortieren des mitgebrachten Materials. Zusammen mit Waren aus dem Inventar wurde es zur Verteilung bereitgestellt. Wir besuchten
in der uns zur Verfügung stehenden Zeit unter anderem die vier Lepradörfer Mballing, Koutal, Sowane und Peycouck.
Erst Mballing: Monsieur Fall, Sozialarbeiter, stellte für uns eine Liste der Bedürftigsten im Dorf zusammen. Wir besuchten diese Menschen und machten Notizen für die gezielte Hilfe. Die
Verhältnisse, in denen diese Ärmsten der Armen wohnen, sind schwer mit Worten zu beschreiben und beeindruckten mich tief. Wir waren froh, ihnen nützliche Dinge wie Wolldecken, Nachttöpfe und
-stühle, Kopfkissen, Matratzen und Kleider bringen zu können.
Am folgenden Tag ging es weiter südwärts via Kaolack zum Lepradorf Koutal. Dort besuchten wir ein durch Masse Mbaye initiiertes und 2007 begonnenes Projekt. Junge Männer, Söhne von Leprösen,
stellen dort sonngetrocknete Backsteine her. Zwölf Männer arbeiten dort in zwei Equipen an der Produktion. Sie besitzen eine grosse und eine kleine Maschine zum Formen der Backsteine. Nach
diversen Kleinaufträgen für Hausbauten erhielten sie eine Grossauftrag ener japanischen Hilfsorganisation. Die Bestellmenge lag bei 50.000 Stück, die verwendet werden für de Bau von Schulen in
Kaolack und Umgebung.
Viel zu schnell war die Zeit gekommen, Aschied zu nehmen von diesem eindrücklichen Land und den vielen lieben Menschen. Viele schöne Erlebnisse sind hinzugekommen und die Wichtigkeit des
Einsatzes von Lilly Vogel im Senegal über diese vielen Jahre hinweg wurde mir einmal mehr bewusst.
Die Dankbarkeit in den Augen der Leute zu sehen ist etwas Unzahlbares und Wunderschönes. Ich hoffe, mein 'Au revoir' wird ein 'Au revoir, à très bientôt !'. Als ich in Zürich angekommen müde
durch die herbstlichen Strassen vom Bahnhof zu meiner Wohnung ging, spürte ich es deutlich: Ich möchte sehr bald wieder in den Senegal !
Im Mai 2009
… masquer la fin